Strafprozess und Offentlichkeit

Die Strafgesetze im Mittelalter sahen Bestrafungspraktiken vor, die aus heutiger Sicht das ganze Register an Grausamkeiten bereithielten. Blenden, verstümmeln, rädern, häuten, pfählen, sieden, verbrennen, vergraben, vierteilen - das Volk sollte abgeschreckt, aber durch die Öffentlichkeit der Bestrafung auch bei Laune gehalten werden.

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Die Hinrichtungen zogen regelmäßig viele Schaulustige aus Nah und Fern an. Durch den öffentlichen Charakter wurde das beiwohnende Volk gleichsam Zeuge zur Wiederherstellung der Ordnung von Gottes Gnaden. Die Öffentlichkeit war Kontrollorgan der von Gott an seine irdischen Diener übertragenen Aufgaben zum Schutze der Religion.

Den Vollstreckungen ging in den Gefängnissen qualvolle Folter voraus und war Teil des laufenden Verfahrens zur Urteilsfindung. Folter war in aller Regel nicht öffentlich, wenngleich man sagen kann, dass diejenigen Urteile, die auf Verstümmeln oder einen langsam herbeigeführten Tod hinausliefen, einer Folter gleichkamen. Damit führten die Vollstrecker und ihre Helfershelfer das von Innozenz III. einst auferlegte Gebot, dass Folter nicht zum Tode führen dürfe, ad absurdum. Delinquenten erfuhren keine Gnade. Und die schlimmsten unter ihnen waren nach gängiger Rechtsprechung die Ketzer.

Kammergericht Wetzlar Bambergensis Detail Zentgericht mit Schwert

 

Die Öffentlichkeit wohnte gerne solchen Spektakeln bei, konnte der Einzelne dadurch doch die eigene gute Gesinnung kundtun. Gesellschaftlich höher gestellte Personen (Doktoren, Adlige, Geistliche, Militärs, angesehene Kaufleute etc. sowie deren Angehörige) waren unter den Opfern der Hexenverfolgung anfangs deutlich in der Minderzahl. Prozesse mit Opfern aus diesem Personenkreis waren in der Bevölkerung deshalb denkwürdig bis Aufsehen erregend. Aufgrund des öffentlichen Interesses dürften eben diese Prozesse weitgehend sorgfältig dokumentiert sein, während zu mutmaßen ist, dass viele andere Prozesse gegen unterprivilegierte Bürger in einer großen Dunkelziffer verschwanden, weil sie nur unzureichend oder auch gar nicht dokumentiert wurden. Selbst in den seit 1998 offenen Geheimarchiven der Inquisition in Rom sind heute nicht einmal mehr drei Prozent aller Prozessakten erhalten; die meisten wurden von den Glaubenswächtern im Laufe der Jahrhunderte - wohl aus Furcht vor den Folgen bei Entdeckung - selbst vernichtet.

Zeugenaussage vor Gericht

 

Zeugenaussage vor Gericht
Im Hintergrund sieht man die Fahrt
 zum Hinrichtungsplatz - damit sollte wohl die Gewichtung einer Aussage verdeutlicht werden.


Die kirchliche Inquisition hatte für den Hexenwahn ab dem 15. Jahrhundert zwar den ideologischen Grundstein gelegt, die eigentlichen Hexenprozesse wurden nun aber in der Mehrzahl von regulären weltlichen Gerichten durchgeführt; die äußerst Erfolg versprechende Praxis der Folter hatte man zweckdienlich übernommen. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde die kirchliche Gerichtsbarkeit gegenüber Hexen zugunsten der weltlichen noch stärker beschnitten.

leibstrafengefangene

Man kann sogar behaupten, dass mit zunehmender Schwächung der Kirchen über die Jahrhunderte die Intensität der Hexenverfolgungen zugenommen hat, weil die Kirche als gesellschaftliches Korrektiv gegenüber den weltlichen Herrschern eine immer geringere Rolle spielte.

 

Im Grunde genommen geschieht der Kirche heute ein bisschen unrecht in der Schuldzuweisung, denn vielfach nutzten weltliche Gerichte der beginnenden Neuzeit ihre Position aus machtstrategischen Gründen schamlos aus, indem sie in ihrer Urteilsfindung konsequent religiöse Argumente in den Vordergrund stellten. Wogegen die Kirchen sich freilich wenig echauffierten; schließlich profitierten sie ja auch von den Urteilen. Heute würden wir sagen: eine typische Win-Win-Situation. 
Grundsätzlich war die Einführung der Inquisitionsverfahren kein falscher Weg in der Rechtsprechung. Während bis dahin bei der Rechtsfindung auf Gottesurteile und Kämpfe gesetzt wurde, beschritt die Inquisition erstmalig den Weg der Objektivierbarkeit und des Rationalen.

 

Hinrichtungsszene

Und sie galt über Standesgrenzen hinweg, konnte also jeden treffen. Es liegt jedoch eine traurige Ironie in der Tatsache, dass der Siegeszug des geschriebenen Wortes in Europa nicht nur der Wissenschaft und Aufklärung diente, sondern als Kehrseite der Medaille gleichsam Grundlage und geistiger Motor für Unterdrückung und Tod war. 


Denn die Prozesse gegen Hexen spiegelten gerade durch Bezugnahme auf reichhaltiges Schriftmaterial und vergangene Prozessdokumentationen sowie in der bürokratischen Versessenheit und Akribie der Durchführung einen zutiefst unsicheren und unkritischen Geist der Ankläger und Richter wider, die sich in ihren Urteilen dem Glauben an das geschriebene Wort willig unterwarfen. 


Hinrichtungen HGO

 


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