Motive der Verfolgung

Für das Verständnis der frühneuzeitlichen Denkweise im Hinblick auf Hexenverfolgungen ist die Antwort auf das „Warum“ die spannendste. Über die Motive der Hexenverfolgungen sind viele Seiten gefüllt. Angesichts eines Kernzeitraums von 300 Jahren ist kaum anzunehmen, dass wir es nicht mit mehreren Ursachen zu tun haben.

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Die immer wiederkehrende Angst vor dem Teufel ist eines der zentralen Motive: Die Kirche schürte unter den Menschen die Angst vor der Macht des Satans und ließ sie glauben, die Frau wäre sein gefährlichstes Werkzeug. Entgegen anders lautender Thesen kann die Hexenverfolgung aber nicht mit einer Frauenverfolgung gleichgesetzt werden. Es gibt große regionale Unterschiede beim Frauenanteil der Verfolgten und nicht immer liegt die Zahl wie in SW-Deutschland bei über 80 % oder gar bei deutlich über 90 % wie im Bistum Basel. 

Die erhaltenen Akten aus Würzburg beispielsweise bestätigen für die Jahre 1627-29 ein ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter. In Skandinavien und Russland war der Opferanteil bei den Männern sogar durchweg höher als bei den Frauen. Insgesamt jedoch waren gut drei Viertel aller Opfer bei den europäischen Hexenverbrennungen weiblichen Geschlechts. Mal war das unmittelbare Motiv ein einfacher Nachbarschaftsstreit, bei dem Neid und Missgunst die Triebfedern spannte, mal ein schwelender Dorfklatsch, bei dem ein Sündenbock für Unglücke jedweder Art verantwortlich gemacht wurde.
Hexen 1514 Dann wieder ist die Rede von einem dauernden Wettstreit religiöser Überzeugungen vor dem Hintergrund der Reformationsbestrebungen. Die lang anhaltenden klimatischen Unbilden der damals herrschenden Kleinen Eiszeit, die die Menschen verzweifeln ließen und Missernten, Hunger und Tod nach sich zogen, taten ein Übriges, um den Menschen vom Glauben abzubringen. Doch bei alledem haben wir es nur mit vordergründigen Motiven zu tun.

Die eigentliche Intention für die Hexenverfolgungen liegt woanders. Mögen die Verantwortlichen - allen voran die Kirchenvertreter - noch so sehr insistieren, dass sie das Seelenheil der Allgemeinheit und der Hexen im Besonderen im Visier gehabt haben, so ist der eigentliche Grund für die Verbrechen viel banaler: drohender Machtverlust! Dieses Motiv war von so zentraler Bedeutung, dass irgendwann jedes Mittel recht war, die eigene Stellung zu behaupten. Die herrschende Elite bildete sich ein, den im Volk tief verwurzelten Hexenglauben einer gefürchteten Eigendynamik entreißen zu müssen. Ziel der politischen Kräfte musste sein, ein akzeptables Gleichgewicht zwischen dem Willen des Volkes und seinem aufflammenden Zorn wegen allgemein unzufriedener Zustände einerseits, dem kirchlichen Anspruch auf den Zusammenhalt der Glaubensgemeinschaft andererseits und dem Machtstreben der feudalen Klasse anzustreben. Das größte Kapital der Herrschenden, insbesondere der Kirche, war hierbei die Dummheit der Menschen. Dieses Kapital drohte allmählich zu schwinden, denn Buchdruck, Wissenschaft und Aufklärung hielten flächendeckend Einzug. Kritische Geister erkannten zudem, dass es mit dem Lebenswandel von Priestern und Mönchen doch nicht so ehrenhaft bestellt war, wie dies glauben machen sollte. Um in den entbehrungsreichen Jahrzehnten der Kleinen Eiszeit nicht noch mehr Gläubige zu verlieren, musste die Kirche handeln und nahm an der Seite der Regierungen den im Volk vorherrschenden Argwohn gegenüber Randgruppen zum Anlass, an „Sündenböcken“ Exempel zu statuieren. Eine in Glaubensfragen auf das Jenseits ausgerichtete Kirche fand im Hexenglauben eine willkommene Erklärung für die Missstände im Diesseits und in den Hexen ihre konkrete „Gefahr“. Die Gefahr für das Volkswohl durch vermeintliche Hexen war freilich nur vorgeschoben; sie hatte zu keiner Zeit das Potenzial zu einer Aufwiegelung der Bevölkerung. In Zeiten des Aufruhrs und der Bedrohung durch Umstürze wurden Hexen zum Spielball in einem Ränkespiel zwischen den herrschenden Ständen, ganz besonders während der Zeit der Reformation.


Axt melken Hexe als Hebamme Hexe flieht durch den Kamin Hexer verkauft Sack voll Wind

 

In der Auseinandersetzung und im Umgang mit Andersdenkenden, insbesondere während der Reformation und Gegenreformation, lag in Wahrheit die Auseinandersetzung um das jeweils beste Konzept der Hegemonie. Hier rangen weltliche und geistliche Herrscher gleichermaßen um ein größtmögliches Maß an Einfluss und Mitsprache. In der Gegensätzlichkeit der Welten - hier das ausschweifende Leben am Hofe, dort das asketische Leben im Kloster - lag einer der fruchtbarsten Keime für den Kampf um das Vorrecht auf den besten Entwurf aller Lebenswelten, in dessen Verlauf das dazwischen stehende Volk und sein geistiges Erwachen immer stärker unter Druck geriet. Dieser Druck fand in der Verfolgung der Hexen ein geeignetes Ventil.


                      Kinder werden dem Teufel vorgestellt   Sturm brauen   Wettermachen   Toetung und Verzehr von Kindern

 

Dennoch galt damals wie heute: Losgelöst von der vor- herrschenden Weltanschauung haben Bildung, Lebenserfahrung, die persönliche Gesinnung, der Charakter und die seelische Verfassung der Meinungsführer einen entscheidenden Einfluss auf die Auslegung und (De)Regulierung von Gesetzen und Normen. Durch die Geschichte der Hexenverfolgungen hindurch finden sich immer wieder Einzelpersonen, die die Verfolgungen forciert oder gefördert haben. Menschen mit Geltungssucht und übersteigertem Ego, die ihrem Wirkungskreis einen Stempel aufdrücken wollten. So wie der Fuldaer Zentgraf und Malefizmeister Balthasar Nuß, der selbst bei seinen Ratskollegen im Ruf stand, ein Lügner und Mörder zu sein.


                                                                         Leichenschaendung durch Hexen Herstellung von Zaubertrank

 

Aber auch löbliche Gegenbeispiele sind in den dunklen Zeiten zu finden, wie der Bamberger Fürstbischof Johann Philipp von Gebsattel (1599-1609), der während seiner Amtszeit niemanden als Hexe verbrennen ließ und auch sonst keine Anstalten machte, in religiösen Fragen hart durchzugreifen - was prompt Gegenspieler auf den Plan rief. 
Es lag und liegt letztlich am Einzelnen, ob und wie Dinge ihren Lauf nehmen. So haben wir es bei den Hexenverfolgungen in den meisten Fällen mit Überzeugungstätern zu tun, die im Namen einer fragwürdigen Lehre das Richtige zu tun glaubten und durch Einschüchterung, Drohungen, aber auch Versprechungen, viele Mitläufer fanden.

Phillip von Gebsattel

Im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger regierte Bischof Gebsattel auf eine sehr tolerante Weise:

"Es wiille der bischove (Gebsattel) durchaus nicht, daß man hinfürthers iemanden zur religion zwingen, sondern ainen ieden solle glauben lassen, was er wiille." 

Konrad von Marburg

Konrad von Marburg (um 1189-90 bis 30 Juli 1233) war Inquisitor, Kreuzzugsprediger und Magister.

Adlige Ritter lauerten ihm auf und erschlugen ihn.


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